Das Programm des letztjährig in Bonn abgehaltenen 6. Kolloquiums können Sie hier nachlesen. Im Rahmen des Kolloquiums fand auch die Mitgliederversammlung der Ernst Herzfeld-Gesellschaft e.V. statt, über deren Ergebnisse wir Sie hier ebenfalls informieren.
Abstracts zum Kolloquium Bonn 2010
Hier finden Sie die Kurzfassungen der Beiträge des 6. Kolloquiums der EHG, 2. bis 3. Juli 2010, Bonn, im Universitätsclub Bonn Konviktstraße 9
Jasmin Badr/Bamberg), Mustafa Tupev/Bamberg:
Denkmal und Kontext in Buchara: Die Moschee Khoja Zainuddin
Die Altstadt von Buchara, ein Ensemble historisch gewachsener Stadtstrukturen, zählt mit 462 Einzeldenkmälern seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Im Südwesten der Altstadt liegt das Stadtviertel „Khoja Zainuddin“ mit einem hohen Anteil an erhaltenen traditionellen Strukturen. Den Mittelpunkt des Stadtviertels bildet die gleichnamige Moschee, die im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojektes „Denkmal und Kontext in Buchara (Usbekistan)“, gefördert von der DFG, untersucht wird.
Die Kuppelmoschee wurde Mitte des 16. Jhs. errichtet und weist trotz einheitlichem Erscheinungsbild mehrere Bauphasen auf. Anhaltspunkte dafür liefern im Außenbereich die Holzkonstruktionen des L-förmigen Portikus sowie die Fliesenreste im Traufenbereich und den Zwickeln einiger Blendnischen. Im Innenbereich sind vor allem die verschiedenen Farbfassungen und die mit Fliesen dekorierte Sockelzone des Betsaals von besonderem Interesse. Auch die teilweise datierten Graffiti im Betsaal und einigen Nebenräumen geben wichtige Hinweise für die Datierung der unterschiedlichen Dekorationsphasen. Schriftliche Quellen aus dem 16. Jh. bis Anfang des 20. Jhs. unterstützen die Ergebnisse der bauforscherischen und kunsthistorischen Untersuchungen
Anna Flammersfeld-Batouei/Bonn:
Shirin Neshat. Das Oeuvre der Künstlerin im Spannungsfeld der Kritik an ihrem Werk
Die iranische Künstlerin Shirin Neshat ist mit ihren Fotografien und Videoinstallationen international erfolgreich. Zuletzt gewann sie mit ihrem ersten Spielfilm Women without Men (2009) den Silbernen Löwen auf den Filmfestspielen in Venedig.
Geboren wurde Shirin Neshat 1957 in Qazwin. Mit 17 Jahren verließ sie ihr Heimatland, um in den USA Kunst zu studieren. Schließlich blieb sie dort und lebt heute in New York. Trotz ihres enormen Erfolgs wird Shirin Neshat innerhalb der wissenschaftlichen Auseinandersetzung kontrovers diskutiert. Zum einen wird sie als politisch engagierte, feministische Künstlerin verstanden, die Missstände aufzeige und einen Beitrag zu deren Bekämpfung leiste. Zum anderen wird ihr vorgeworfen, Zustände im Iran zu ästhetisieren und stereotype Vorurteile zu bestätigen.
Erklären lässt sich dieses Phänomen mit der fortschreitenden Entwicklung des inzwischen 17jährigen Oeuvres. Die kontroversen Meinungen haben insofern ihre Berechtigung, als sich die politischen Standpunkte im Laufe der Zeit verändern. So befasst sich Neshat in der Fotoserie Women of Allah (1993-97) mit der Islamischen Revolution und zeigt verschleierte, bewaffnete Frauen, deren Haut mit persischen Inschriften versehen ist. Der Islam sowie Schönheit und Stärke der Frauen gehen einher mit revolutionärer Gewaltbereitschaft. Für die späteren Arbeiten wird eine differenziertere Auseinandersetzung mit den postrevolutionären gesellschaftlichen Entwicklungen im Iran deutlich, wobei die Situation von Frauen häufig im Zentrum steht. Eine tendenziell regimekritischere Haltung ist erkennbar.
Bei unterschiedlichen Schwerpunkten lässt sich für alle Werke ein starker Bezug auf die iranische Kunsttradition feststellen.
Julia Fritz/Bonn:
Die Entwicklung der zeitgenössischen Moscheen in Deutschland
Kaum beachtet, aber dennoch ein wichtiges Aufgabenfeld der islamischen
Kunstgeschichte, stellt die zeitgenössische islamische Architektur in Deutschland
dar. Das Konzept meiner Arbeit lag darin, aufzuzeigen, dass sich diese Architektur
verändert und sich ein eigener Baustil deutscher Moscheen in der Zukunft bilden
wird. Um diese Entwicklung sichtbar zu machen, wurden drei Moscheen ausgewählt,
die prägnante Ausdrucksformen für diesen Wandel aufweisen.
Zuerst wird die Duisburger Merkez Moschee vorgestellt, die eine Vermischung von
mehreren Stilelementen aufweist; zum einen osmanische Objekte, zum anderen
zeitgenössische Elemente.
Die zweite Moschee, die präsentiert wird, ist die Kölner Zentralmoschee, welche sich
derzeit noch im Bau befindet. Mit einem sehr modernen Modell gewann der
Kirchenbaumeister Böhm den Wettbewerb für den Neubau der Zentralmoschee.
Die Penzberger Moschee wird abschließend dargestellt. Diese soll den Verlauf der
Entwicklung vervollständigen und vielleicht wegweisend für eine eigenständige
deutsche Moscheearchitektur sein.
Wie wird die Moschee der Zukunft in Deutschland aussehen? Eine definitive Antwort
auf diese Frage kann man zu diesem Zeitpunkt noch nicht geben, da sich ein eigener
Baustil erst entwickeln muss und nicht innerhalb von wenigen Jahren gefestigt
werden kann. Auch klassische Merkmale, wie Minarett und Kuppel, werden neu
interpretiert und ermöglichen somit eine moderne und an die Bedürfnisse der
Gesellschaft angepasste Darstellung von Moscheen.
Christian Fuchs/Berlin:
Das Sistani Haus in der Zitadelle von Bam: Bauforschung nach dem Erdbeben
Im Jahr 2007 bekam die Fakultät Architektur der Technischen Universität Dresden, Lehrstuhl
Tragwerksplanung (Prof. Jäger) den Auftrag von der Iranischen Kulturerbebehörde in Teheran, einen
Beitrag zum seismisch ertüchtigten Wiederaufbau der Zitadelle von Bam zu leisten. Diese war durch
das Erdbeben von 2003 stark zerstört worden. Objekt war dabei das Sistani Haus aus dem frühen 19.
Jahrhundert.
Der Vortrag soll weniger auf die technischen Aspekte der seismischen Ertüchtigung eingehen, als
vielmehr auf die Belange der historischen Bauforschung. Die Umstände, unter der die Bauforschung
erfolgen muss, sind kompliziert: Das Haus wies einen Zerstörungsgrad von etwa 70% auf, von den
Bauherren werden sichtbare Erfolge gefordert, und der ausschließliche Baustoff Lehm macht es auch
für das geschulte Auge schwer, Bauphasen klar zu differenzieren. Der Vortrag soll auf diese
Umstände eingehen und die beschränkten Mittel zur Auswertung der Baugeschichte zur Diskussion
stellen. Selbstverständlich werden erste Ergebnisse dieser Untersuchungen dargestellt; dabei werden
auch begleitende Erkenntnisse iranischer Kollegen vor Ort Erwähnung finden.
Emmanuel Georgoudakis
Ein neuer umajjadischer Meilenstein von Abd al-Malik aus Jerusalem
Seit vielen Jahren (1987) arbeitet der Kulturanstalt der Nationalbank von Griechenland (MIET) an die Pflege des historischen Archivs und der Handschriften des Griechisch-Orthodoxen Patriarchats von Jerusalem.
Die Expedition aber des letzten Jahres (Sommer 2009) ist auch auf eine arabische Inschrift gestossen, die sich als umajjadischer Meilenstein Abd al-Maliks erwies.
Diesmal wird Jerusalem selbst als Stellungsort bezeichnet. Die Inschrift selbst ist innerhalb des Patriarchatskomlexes gefunden, nicht mal 100m weit von der römischen Strasse, wegen Bauarbeiten.
Der Text (zum Teil wiederhergestellt) lautet
[...] Muḥammad Diener
Gottes und sein Apostel, Segen
Und Gebet Gottes auf ihn. Es Gebot
Das Ebnen dieser Strasse
und Aufbau der Meilensteine der Diener
Gottes ʿAbdu l-Malik, Befehlshaber
der Gläubigen. Die Barmherzigkeit Allahs
auf ihn. Er wurde auf Aelia gestellt zu/nach [...]
Der Text wurde im Vergleich zu den bisher gefundenen relevanten Inschriften ediert.
Durch ihn werden die relevanten Inschriften aus Palästina in Gruppen nach ihrem Text verteilt.
Jerusalem muss als Ziel der nördlichen Route von Jaffa(?) über Ramla-Lydda gesehen und als Startpunkt der Route nach Damaskus.
Die Funde wirft eine Reihe von alten Fragen wieder auf:
- Warum ist aber nur der Weg nach Jerusalem mit Meilensteinen versehen?
- Gibt es eine Verbindung mit der Bau der Qubbat as-Sahra unter dem selben Kalif?
- Warum gibt es keine Meilensteine nach Mekka?
- Betreffen die Meilensteine nur die christliche Pilgerfahrt oder soll die Diskussion über die Qiblaverlegung durch Abd Al-Malik wieder eröffnet werden?
Martin Gussone/Berlin, Martina Müller-Wiener/Bonn:
Von der Alhambra zur Rue du Caire. Das Mausoleum Dr. George Guier in Bonn Bad Godesberg
Bislang im Orientalismus-Diskurs weitgehend unbeachtet steht auf dem Burgfriedhof in Bonn Bad Godesberg das Mausoleum des Dr. George Guier. Der 1904 errichtete Bau gibt sich bei näherer Betrachtung als Collage architektonischer Zitate zu erkennen, die der Alhambra, der Mezquita in Cordoba und den Grabbauten Kairos entlehnt wurden. In der regionalen Forschung wurden Architektur und Baudekor lediglich als auffällig und fremdartig bzw. ‚maurisch’ wahrgenommen, bislang jedoch weder identifiziert noch präzise zugeordnet. Der Vortrag fasst zunächst die Geschichte des Entwurfs zusammen und stellt die beteiligten Architekten sowie deren Umfeld dar. In einem zweiten Schritt werden Bauform und Detailausbildung analysiert und die zeitgenössischen Publikationen identifiziert, die als Vorlage dienten. Die abschließende Zusammenführung der Ergebnisse und ihre Einbindung in den entstehungszeitlichen Kontext eröffnen einen nuancierten Blick auf konkrete Leitbilder orientalisierender Architektur und die Wege und Medien ihrer Vermittlung.
Negar Hakim/Wien:
Gabriel Guevrekian, Wegbereiter der frühen Moderne im Iran: Projekte 1933-37
Heute gibt es im Iran den Ruf vieler Architekten, die Lösungen einer "zeitgenössischen, spezifisch iranischen Architektur" mit Nachdruck fordern. Aus postmodernistischer Sicht orten sie ein „Identitätskrise“ der Architektur des Landes zur Zeit der Frühen Moderne im Iran, die eine Folge radikaler, sich verändernder Typologien und Werte – speziell am Wohnbausektor – war. Häufig wird die Veränderung der iranischen Wohnbautypologie als das Unvermeidbare, als das Resultat einer übermächtigen westlich geprägten Moderne gesehen. Aus dieser Perspektive befindet sich die iranische Architektur bis heute in einer Krisensituation, da die modernen Architekten der ersten Generation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Verteidigung der eigenen Typologien und Werte verabsäumten beziehungsweise sich teilweise nachhaltig neutral verhielten. Diese Argumentation beruht auf der Annahme, dass Partikularität und Kontinuität mit den Ideen des „Neue Bauens“ beziehungsweise der Frühmoderne unvereinbar waren und daher das Universale und Globale zu bevorzugen sei. In dieser weit verbreiteten Darstellung der Situation wurden die Modernisten der ersten Generation bloß als Akteure dieser übermächtigen, importierten Wertvorstellungen eingeordnet.
Die Bauwerke von Gabriel Guevrekian im Teheran der 30er Jahren stellen die ersten frühmodernen Werke im Iran dar. Guevrekian, Wegbegleiter und Freund von Le Corbusier und Adolf Loos, war ein früher Modernist, dem mit seinen Projekten eine Vorreiterrolle zukam. Ein besonderer Stellenwert kommt der Villa Malek Aslani zu. Dieses Bauwerk, das in der Literatur bisher kaum Beachtung gefunden hat, stellt in exemplarischer Weise die avantgardistische Übersetzung der „iranischen Frühmoderne“ dar. Basierend auf den iranischen Wohnbautypologien, zeigt es, dass eine spezifisch iranische Frühmoderne durchaus gangbar war.
Regina Knaller/Wien, Markus Ritter/Zürich:
Der Stoff mit arabischen Inschriften im Grabgewand Rudolfs IV.
Kunstobjekte mit arabischer Schrift in einem christlichen Kontext sind aus verschiedenen Zusammenhängen bekannt, gerade für Stoffe, die in kirchlichen Textilien verwendet wurden. Ein besonderer Fall ist die Verwendung in mittelalterlichen Begräbnissen. Ihre Umstände wurden bei den Graböffnungen des frühen 20. Jahrhunderts selten gut dokumentiert. Für das Grabgewand des Habsburgers Rudolf IV. (st. 1365), das aus einem Stoff mit Inschriften für den Ilchan Abu Said von Iran besteht, lässt sich eine spezifische Verwendung rekonstruieren. Das Ko-Referat zieht dazu historische Quellen und die neueste Untersuchung des Stoffes heran und diskutiert textile Motive, die im Funeralkontext eine Rolle gespielt haben können.
Christoph Knüttel/München:
Die „runde Stadt“ Bagdad – Ein Mythos der islamischen Kunstgeschichte
Die Anfänge Bagdads, einer der bedeutendsten Metropolen des Mittelalters und eines der wichtigsten Zentren der islamischen Welt, liegen im Dunkel. Bis heute sind keine materiellen Überreste der ursprünglichen Stadt – der islamischen Geschichtsschreibung zufolge um das Jahr 760 auf Befehl des ʿAbbāsidenkalifen al-Manṣūr erbaut – zu Tage gefördert worden. Das in der einschlägigen Literatur verbreitete Bild von der „runden Stadt“ Bagdad und ihrer architektonischen Gestalt geht auf eine Rekonstruktion Ernst Herzfelds zurück, der eine detaillierte und maßstabsgetreue Grundrisszeichnung veröffentlicht hat. Die einzigen Quellen im eigentlichen Sinne, auf die sich Herzfeld dabei stützen konnte, waren Texte, die um das Jahr 900 von muslimischen Autoren verfasst worden sind und systematische, zahlreiche Maßangaben enthaltende Beschreibungen der Stadt und einzelner Gebäude wiedergeben.
Der Vortrag soll versuchen, die Wirkung des von Herzfeld entworfenen Bildes der Stadt in der Kunstgeschichte zu evaluieren. Ausgehend von Herzfelds Begründung für seinen Rekonstruktionsversuch, nämlich dass die „Gründung Manṣūr’s […] im Werdegang der islamischen Kunst zweifellos eine der wichtigsten Etappen“ darstelle, sollen zunächst seine impliziten Prämissen, sein Vorgehen bei der Rekonstruktion, und sein Umgang mit dem Quellenmaterial kritisch untersucht werden. Anhand der weiteren Verbreitung der Rekonstruktion und ihrer doppelten Funktion als Quelle und Illustration für spätere kunst- und kulturhistorische Untersuchungen soll das Bild der „runden Stadt“ Bagdad schließlich als Mythos der islamischen Kunstgeschichte diskutiert werden.
Christiane Kothe/Köln, Tina Padlesak/Wien:
Khirbat al-Mafjar: ein Brunnen als Mittel der Herrschaftsrepräsentation
In der Anlage von Khirbat al-Mafjar war dem Komplex aus Qasr und Moschee, sowie mittelbar den Empfangsräumen mit angegliedertem Bad und dem benachbarten Khan vorgelagert eine monumentale Brunnenanlage von 16 m Seitenlänge. Von dem in diese eingestellten Pavillon hatte sich nur die Sockelzone bis auf die Höhe der Beckenoberkante erhalten. Auf der Grundlage von Funden im Bereich des Brunnens z.T. in Versturzlage hat Hamilton einen Rekonstruktionsvorschlag erstellt, der den Ausgangspunkt des Beitrags bildet und in diesem diskutiert wirden. Daran schließen sich Überlegungen zu Modellen und Bautraditionen an. Abschließend werden Überlegungen zu Stellenwert und Wirkung derartiger Bauten im Rahmen der Herrschaftsrepräsention vorgestellt.
Dorothée Kreuzer:
Gänse auf der Seidenstraße - Zur Ikono-graphie mit Gänsen
Die „Erfindung“ von nastaliq wird einem Ali Tabrizi zugeschrieben. Dazu gibt es weiter die Tradition, daß Ali b. Abi Talib diesem im Traum erschienen sei und ihn auf die Form der Gänse hingewiesen hat. Allerdings wird auch Wang Xizhi, dem legendären Ahnherrn dessen, was die Kunstgeschichte als die „Classical Tradition“ der chinesischen Schriftkunst ansieht, mit Gänsen in Verbindung gebracht. Da in beiden Kulturen, anders als im Europa des 6.-19. Jahrhunderts, nicht mit Gänsekielen geschrieben wurde, stellt sich die Frage: was war das Problem, wenn die Gänse die Lösung waren? Und, da in beiden Geschichten die Naturbeobachtung wohl auszuschließen ist, nicht aber eine Interferenz zwischen den Geschichten, stellt sich die Frage nach dem Schreiben mit Bildern, wenn Schreiben im konventionellen Sinn das Thema ist.
Daniel Redlinger/Bonn:
Text, Visualisierung und kultureller Code. Überlegung zum Lesen von Bauinschriften im islamischen Kontext
Die kunstgeschichtliche Auseinandersetzung mit persischen und arabischen Bauinschriften im islamischen Kulturraum erfolgt zumeist mit dem Ziel, nähere Angaben über die Architektur zu erhalten, auf der sie zu finden sind. Im Fall von nicht-religiösen und nicht-epischen Inschriften wie Eulogien sind dabei primär die Informationen über den Auftraggeber, den Architekten und die Zeit der Errichtung wichtig. Handelt es sich um religiöse Inschriften, so werden die ausgewählten, zumeist besonders prominenten Textstellen identifiziert und im Zusammenhang mit dem Bauherrn oder seinem Bau interpretiert. Ein weiterer wichtiger Aspekt des kunstgeschichtlichen Interesses an Bauinschriften liegt darin, ihren Wert als ästhetisches und künstlerisches Ausdrucksmittel zu erfassen und sie in den Korpus der islamischen Kalligraphie einzuordnen. Diese beiden Ziele werden meist getrennt voneinander verfolgt und die Ergebnisse derartiger Untersuchungen werden nur in Einzelfällen miteinander verknüpft. Ziel des Vortrages ist es, eine Synthese dieser unterschiedlichen kunsthistorischen Herangehensweisen zu skizzieren und mit diesem kombinierten Ansatz das Konzept, das sich aus der Gesamtheit aller Inschriften an einem ausgewählten Bau ergibt, zu untersuchen. Dabei sollen zudem die Frage diskutiert werden, in wie weit sich durch ein erweitertes Textverständnis auch Beobachtungen zu Visualisierung- und Wahrnehmungsprozessen an den Bauinschriften ablesen lassen.
Simon Rettig/Berlin:
Walls on Pages, Pages on Walls: Architectural Decorative Panels and Illuminated
Folios in the Timurid/Turkman World
The aim of this paper is to juxtapose illuminated manuscript pages with architectural panels set on various buildings in western and southern Iran in the second half of the fifteenth century. This is based on the observations that these seldom related art forms present not only similar patterns but also make use of grids and measurements in their conception and organization. Squaring, maṣtar, remarkable numbers are, for instance, commonly used in both productions but still little noted. Furthermore, the illuminated structure of a manuscript could be to some extent linked to the decorative program on certain parts of a building. A few examples, such as in the Darb-i Imām in Isfahan and the Blue Mosque in Tabriz, will be compared with contemporary illuminated pieces. The materialized “architecture” within the book and reciprocally the layout of certain zones on monuments shed the light also on the artistic conceptions in the Timurid/Turkman world and the close links between practitioners of the arts of the book and architecture related professionals. The naqqāsh, drawerpainter usually working in a princely or royal library atelier, was in particular a central character in the elaboration of decorative patterns in the medieval Iranian workshop. He was not only producing works on paper but also led to make architectural decorations.
Ulrike Siegel/Berlin:
Resafa - Rusafat Hisham. Vom Zeltspieß zum Grundriss.
Aufnahme und Interpretation von Oberflächenbefunden
Im Rahmen des Forschungsprojektes Resafa-Sergiupolis/Rusafat Hisham. Pilgerstadt und Kalifenresidenz (Leitung: Prof. Dorothée Sack) befasst sich ein Teilprojekt mit der detaillierten Aufnahme von Oberflächenbefunden im südlichen Umland von Resafa. Ziel der Untersuchungen ist, Erkenntnisse über die Gesamtstruktur der Bebauung sowie über die bauliche Konzeption und Binnengliederung einzelner Komplexe der Residenz des Kalifen Hisham b. Abd al-Malik (reg. 105/724-125/743) zu gewinnen. Das Teilprojekt schließt an umfangreiche Surveys und geophysikalische Prospektionen an, die in den vergangenen Jahren durchgeführt wurden. Es soll dazu beitragen, durch den Einsatz unterschiedlicher Methoden den Kenntnisstand über die Bebauung des etwa 3 km² großen Areals zu verdichten. Aufgrund von hoher Bodenfeuchte zeichnen sich die Oberflächenbefunde besonders deutlich nach der Regenzeit im Frühjahr ab. Im Rahmen von drei Frühjahrskampagnen konnten so bereits an 44 Fundplätzen zahlreiche bauliche Strukturen aufgenommen werden.
Neben einer kurzen Einführung in die Methodik werden in dem Vortrag erste Ergebnisse des Teilprojektes vorgestellt. Anhand von ausgewählten Fundplätzen werden beispielhaft der Erkenntnisgewinn zu Gebäudekonzeptionen, Bauphasen und Detailkonstruktionen dargestellt.
Jochen Sokoly/Doha:
Zayn al-Din, Sir William and Lady Jones and their Study of Botany - The Jones
Collection of Indian Company School Drawings and Watercolours at the Royal
Asiatic Society, London
The study of natural history in colonial late 18th century India was part of the great quest of the Enlightenment to discover new knowledge and explain the world rationally. British colonialists in Asia, Africa and Australia began to map the unknown natural world and record and publish their finds. What perhaps often started out as an amateurish interest in natural science, perhaps in search of "Arcadia", became the basis of serious scientific enquiry and the establishment of learned institutions that have survived and contributed to scholarship until the present. The collection of drawings and watercolors that once belonged to the scholar of Persian literature Sir William Jones, is such an example. It contains studies of plants that surrounded the Jones's in their garden near Calcutta, and which both his wife and the famous Companyschool draftsman Zayn al-Din began to record, intended for later publication.
The lecture will present examples from this hitherto almost unknown and unpublished collection, and consider the genesis of the project that the Jones's embarked on with the help of Zayn al-Din, drawing on Jones's diaries and letters, but also on the notes on plants by Lady Jones. The lecture will raise questions of cultural exchange between two British patrons and their Indian artist.
Eva Troelenberg/München:
Zwischen Orientalismus und Kunstwissenschaft: Die Münchner Ausstellung von „Meisterwerken muhammedanischer Kunst“ 1910
Die Münchner „Ausstellung von Meisterwerken muhammedanischer Kunst“ wird bis heute zu Recht als Meilenstein für die wissenschaftliche Rezeption islamischer Kunst beschrieben. Insgesamt aber war das kulturhistorische Gesamtereignis „München 1910“ auch von kommerziellen und populärkulturellen Aspekten geprägt. Vor allem im für die zeitgenössische Außenwirkung bedeutenden Rahmenprogramm spiegelt sie populäre und ethnografische Orientbilder wieder, die noch deutlich in der Tradition klassisch orientalistischer Wahrnehmungsmodi stehen. In der Zusammenschau beider Komponenten wird klar, wie sehr „München 1910“ für eine Zeit der sich verschiebenden Perspektiven hinsichtlich der Rezeption islamischer Materialkultur in Europa steht.